nach dem persischen Kriege zuerst ihre Stadt befestigen und dann die
langen Mauern aufführen lassen, und so habt ihr bis auf den
heutigen Tag nicht nur die jenen Unterworfenen ihrer Freiheit beraubt
gehalten, sondern sogar auch eure eigenen Bundesgenossen: denn nicht 1 2 3
der, welcher knechtet, sondern der, welcher dem wehren könnte und es
unterläßt, wird mit mehr Recht als der eigentliche Thäter betrachtet,
zumal wenn er den Ehrennamen des Befreiers von Hellas trägt '
Kaum haben wir es selbst jetzt zu einer Versammlung bringen können,
und selbst jetzt noch nicht so, als ob wir bereits im Klaren wären'
Denn man sollte jetzt nicht mehr untersuchen, ob uns Unrecht geschieht,
sondern wie wir das Unrecht von uns abwehren; denn die
Angreisenden gehen rasch und entschlossen gegen die Unentschlossenen vor und
werden sich nicht erst lange besinnen. Wir wissen ja, mit welchen
Mitteln und wie die Athener Schritt für Schritt gegen die Andern
vorgeben. So lange eure stumpfe Gleichgiltigkeit sie in dem Glauben
erhält, daß ihre Handlungen unbemerkt bleiben, sind sie weniger kühn
und schnell; sehen sie aber erst, daß ihr sie durchschaut und doch zu
ihrem Vorgehen schweiget, so werden sie uns ganz anders zusetzen.
Denn von allen Hellenen, ihr Lakedämonier, überlaßt ihr allein euch
der Ruhe, gleich als ob ihr durch Unentschlossenheit den Feind
abwehren könntet, anstatt durch Kraftanstrengung, und ihr allein denkt die
Macht des Feindes nicht in ihrem Beginnen zu unterdrücken, sondern
wenn sie ihre Kräfte bereits verdoppelt hat'Man rühmt zwar 4 5 6
daß ihr verläßlich seiet, aber hierin bleibt euer Thun hinter dem Rufe
zurück; denn wir wissen ja noch selbst, daß der Meder sAerxes^, der
doch von den Gränzen der Erde herkam, damals viel früher gegen den
Peloponnes im Anmarsch ershcien, als ihr nnterdeß Zeit gefunden
hattet, euch gegen ihn geziemend in Bereitschaft zu sehen; und grade
so sorglos seid ihr auch jetzt den Athenern gegenüber, die nicht fern
wohnen wie jene, sondern ganz in der Nähe, und anstatt sie
anzugreifen, wollt ihr sie lieber herankommen lassen und euch nur
abwehrend verhalten. Einem viel mächtigeren Feind gegenüber wollt ihr
eure Sache der Gunst des Glücks anheimstellen, obfchon ihr wohl
wisset, daß, gleichwie der mächtige Barbar selbst meist nur durch
seine eigenen Fehler zu Schaden kam, so auch wir über die Athener
fast immer mehr durch ihre eigenen Versehen Vortheile gewinnen
konnten, als durch Hilfe, die von euch kam. Fürwahr, das Vertrauen
auf euch hat schon Manchen zu Grunde gerichtet, der sich eben deshalb
nicht selbst gehörig vorsah, weil er sich auf euch verließ. Und glaube
Keiner von euch, daß wir dies mehr aus Feindseligkeit gegen Euch
sagen, als aus gegründeter Ursache zur Beschwerde; denn gegen
befreundete Männer, wenn etwas versehen worden ist, findet Beschwerde
Statt, Anklage nur gegen Feinde und Unterdrücker.
History of the Peloponnesian War. Thucydides. Adolf Wahrmund (Translator). Stuttgart. 1864.
Sponsored by University of Leipzig.
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