Einen Andern zu tadeln glauben wir aber so gut berechtigt
zu sein, wie irgend Jemand, denn die Dinge, um die es sich handelt,
sind von der größten Wichtigkeit. Ihr jedoch scheint davon gar nichts
1
2
zu merken und niemals überlegt zu haben, was für Leute ihr in den
Athenern zu bekämpfen habt, und wie sehr und wie ganz und gar sie
euch überlegen sind. Denn sie sinnen immer auf Neues und sind rasch
bei der Hand, Pläne zu entwerfen und dem Entschluß die That
folgen zu lassen; ihr aber denkt nur daran, das Bestehende zu erhalten
und nichts Neues hinzuzuthun, und führt nicht einmal das
Nothwendige durch die That aus. Hinwieder sind jene über Vermögen
unternehmend, und ihre Tollkühnheit geht noch über ihre eigenen
ersten Entschlüsse hinaus, und grade im Unglück sind sie erst recht
voller Hoffnung; euch hingegen zeichnet es aus, daß eure Thaten hinter
den Kräften zurückbleiben, daß ihr nicht einmal a'üs die zuverlässigsten
Umstände einen Entschluß bauet, und niemals glaubt ein Unglück zu
überstehen. Jene sind rastlos thätig, ihr seid Zauderer; sie sind immer
außer Landes, ihr sitzt immer sein zu Hause; denn sie glauben durch
Abwesenheit von der Heimath ihren Besitz zu mehren, ihr fürchtet
durch Unternehmungen gegen Außen euren Besitz zu schädigen
Wenn jene über ihre Feinde einen Sieg errungen haben, so beuten sie
ihn aus's Gründlichste aus; werden sie aber besiegt, so machen sie sich
sehr wenig daraus. Ihre Leiber geben sie für den Staat dahin, als
wenn deren Besitz das Gleichgiltigste wäre; den Geist aber, insofern
sie mit ihm für jenen wirken, halten sie für ihr eigentlichstes
Besitztum, und wenn sie einen Plan nicht durchführen können, so glauben
sie an ihrem Vermögen Schaden zu leiden; was sie aber durch eine
Unternehmung gewonnen haben, dünkt ihnen gering gegen das, was
sie noch durch ihre Thätigkeit zu erreichen hoffen. Und wenn ihnen
3
einmal ein Anschlag mißlingt, so richten sie ihre Hoffnung auf etwas
Anderes und thun sich damit ein Genüge; denn sie sind die einzigen
Menshcen, bei denen die Hoffnung schon so viel wie der wirkliche
Besitz dessen ist, worauf sie sinnen, weil ihrem Entschluß rasch die
Ausführung folgt. Und so zerarbeiten sie sich ihr ganzes Leben
hindurch unter Mühsal und Gefahren und genießen ihres Besitzes sehr
wenig, da sie immer nur auf neuen Erwerb sinnen, und sie kennen kein
anderes Fest, als thätige Erfüllung ihrer Pflicht, und unthätige Ruhe
halten sie für kein geringeres Uebel als mühselige Arbeit, so daß
Einer, der sie mit wenigen Worten schildern wollte, in Wahrheit von
ihnen sagen könnte, sie seien da, um weder selbst Ruhe zu haben, noch
auch Andere in Ruhe zu lassen."